Mensch vs. KI - wie der Vergleich uns erniedrigt
Wer Mensch mit KI vergleicht, hat die Frage schon falsch gestellt - und sich dabei selbst erniedrigt. Über die ontologische Falle eines gut gemeinten Vergleichs.
Der menschliche Preis für höhere Produktivität durch KI
Es war ein ganz alltäglicher Vorgang, als ein Kollege mir über Microsoft Teams Feedback zu einem gemeinsamen Projekt schickte, sorgfältig formuliert, zugewandt im Ton, mit einer Freundlichkeit, die echtes Interesse signalisierte. Ich las es, nickte innerlich und dachte: gut, wirklich gut.
Doch dann fiel mir die eigentümliche Glätte auf, die ich im ersten Moment nicht benennen konnte: kein einziger Satz, der ein bisschen schief sitzt, weil jemand ihn im ersten Impuls geschrieben hat, keine Formulierungen, die noch ein bisschen den Menschen durchschimmern lassen, der dahintersteckt, keine Spur von dem, was zwischen den Zeilen entsteht, wenn sich jemand wirklich überlegt, was er sagen will. Das Feedback hatte Claude geschrieben.
Was ich dann fühlte, überraschte mich selbst: Ärger und eine Enttäuschung, die zum Inhalt des Feedbacks in keinem Verhältnis standen, denn der Inhalt war hilfreich, sachlich korrekt und in keiner Weise unfair. Martin Buber, der österreichisch-israelische Religionsphilosoph, beschreibt in Ich und Du zwei grundlegende Haltungen der menschlichen Begegnung: das Ich-Du, in dem ich dem anderen als ganzer Person begegne, präsent, offen, in echter Resonanz - und das Ich-Es, in dem der andere zum Objekt, zum Mittel, zur Funktion wird.
Einem anderen Menschen mit Präsenz und Offenheit zu begegnen (Shunryu Suzuki nennt es auch Anfängergeist), ist anspruchsvoll und gelingt selten. Man muss sich dem Moment - und "dem, was ist" - hingeben und darin aufgehen. Es ist aber möglich, und jeder Mensch sehnt sich danach, in seiner Existenz und nicht nur in seiner Funkton wahrgenommen zu werden.
Die Teams-Nachricht meines Kollegen diente nur der Information. Ich hatte keine Erwartung, über Teams einen tiefen Ich-Du Kontakt aufzubauen. Andererseits kenne ich ihn seit vielen Jahren, wir haben uns "in unserer Existenz" schon wahrgenommen, unsere Absichten, Gedanken, Wünsche, Abneigungen, unsere Menschlichkeit - manchmal streiten wir auch.
Aus jeder Nachricht oder Email höre ich seine individuelle Stimme heraus, seine Existenz schwingt in jeder Zeile mit, ein Bild von ihm erscheint vor meinem inneren Auge. Das hat die von Claude erstellte Teams-Nachricht zerstört - und mich verärgert und enttäuscht.
Andererseits: KI kann viel schneller Inhalte analysieren und eine Auswertung schreiben, sie packt sogar ein paar nette Emojis dazu. Müssen wir diesen Preis bezahlen: höhere Produktivität für weniger.. was eigentlich?
Was Menschen können, was KI nicht kann
Isabella Loaiza-Saa und Roberto Rigobon von MIT Sloan haben 19.000 standardisierte Aufgaben aus der amerikanischen O*NET-Datenbank analysiert (des US-amerikanischen Amtes für Arbeitsstatistik). Sie haben die für diese Aufgaben notwendigen Fähigkeiten untersucht und wollten verstehen, wie wir Menschen gegenüber der KI abschneiden: welche unserer Fähigkeiten werden von KI ersetzt oder erweitert - und wo KI Aufgaben übernehmen weil, weil sie besser ist.
Ihr Ergebnis bündeln sie im Akronym EPOCH, das für Ethical judgment, Perception, Oversight, Creativity und Human interaction steht, also für ethisches Urteilsvermögen, verkörperte Wahrnehmung und Intuition, die Fähigkeit, KI-Systeme kritisch zu überwachen und zu korrigieren, originäres kreatives Denken und, nicht zuletzt, menschliche Interaktion in all ihrer sozialen und emotionalen Komplexität.
Es ist eine wichtige Studie, sachlich argumentiert und ohne die übliche Aufgeregtheit, die KI-Debatten häufig prägt. Wenn Führungskräfte wissen wollen, welche Kompetenzen sie bei ihren Mitarbeitenden fördern sollten, welche Rollen vorerst durch keine KI besetzt werden und worin die komplementäre Stärke des Menschen liegt, dann bietet EPOCH eine nützliche Orientierung.
Und trotzdem, als ich die Studie las, blieb ein Unbehagen, das ich zunächst nicht verorten konnte.
Wer Mensch vs KI vergleicht, hat schon verloren
Das Unbehagen hat einen Grund, den ich erst beim zweiten Lesen wirklich verstand. Loaiza-Saa und Rigobon analysierten - und um diese Frage dreht sich der Großteil des öffentlichen Diskurses über KI und die Zukunft der Arbeit -, was Menschen besser oder schlechter können als KI.
Damit setzen sie aber einen Rahmen, der so selbstverständlich wirkt, dass man ihn kaum bemerkt: Menschen und KI befinden sich auf demselben Spielfeld, und die Frage ist nur, wer in welchen Bereichen besser abschneidet. Wir vergleichen uns mit Künstlicher Intelligenz. Es ist sogar gut gemeint: schaut, ihr seid nicht ersetzbar, ihr habt Fähigkeiten, die kein Sprachmodell replizieren kann.
Wo wir Mensch mit KI jedoch gleichsetzen, implizieren wir uns selbst als eine Art Informationsverarbeitungssystem, das in bestimmten Bereichen noch die Nase vorn hat. Der Mensch wird, im Moment des Vergleichs, zum besseren Algorithmus, sein Wert bemisst sich daran, was er kann, welche Fähigkeiten er im Wettbewerb mit KI hat, wie er produktiv ist - und damit hat er sich ontologisch (in seinem Sein) der KI gleichgesetzt.
Hier geht es nicht um eine Nuancierung wie im berühmten Vergleich zwischen Äpfeln und Birnen, sondern um den Vergleich zwischen fundamental unterschiedlichen und nicht vergleichbaren Kategorien - also eher Äpfel und Rasenmähern.
Mensch mit KI vergleichen ist so töricht
wie der Vergleich von Äpfeln mit Rasenmähern.
Darin liegt das eigentlich Gefährliche am Mensch-KI-Vergleich: nicht die Analyse oder ihre Ergebnisse, oder wie wir dabei abschneiden. Der Vergleich an sich erzeugt ein Framing, das in eine Sackgasse führt.
Was sich dem Vergleich entzieht
Hubert Dreyfus, der amerikanische Philosoph und scharfsinnigste Kritiker der KI-Forschung, hat seit den 1960er Jahren immer wieder auf etwas hingewiesen, das die KI-Forschung systematisch ausblendet: dass menschliches Denken, Wahrnehmen und Handeln untrennbar mit einem Körper verbunden ist, der in der Welt ist, sich durch sie bewegt und von ihr berührt wird, nicht als Beiwerk, sondern als Grundstruktur jedes Erkennens.
Maurice Merleau-Ponty, der französische Phänomenologe, hat das als den gelebten Körper beschrieben, nicht den Körper als biologisches Objekt, das man untersuchen kann, sondern als die Art und Weise, wie wir die Welt bewohnen und erleben, bevor wir anfangen, über sie nachzudenken.
In Sein und Zeit, einem der tiefsten und sperrigsten Text der Philosophiegeschichte, beschreibt Martin Heidegger den Menschen als Dasein. Als jenes Wesen, das nicht einfach vorhanden ist, sondern dem es um sein eigenes Sein geht, das weiß, dass es sterben wird, und das in diesem Bewusstsein lebt, denkt, arbeitet und begegnet. Das "Sein-zum-Tode" ist bei Heidegger kein Makel, sondern die Quelle der Ernsthaftigkeit, mit der Menschen ihre Existenz gestalten, und die jedem Gespräch, jeder Entscheidung und jeder Begegnung ein Gewicht gibt, das kein System replizieren kann - weil es aus der Endlichkeit selbst kommt.
Das Sein-zum-Tode ist keine Fähigkeit, gelebte Körperlichkeit ist keine Kompetenz, und die Resonanz in der Begegnung zweier oder mehr Menschen, die einander wirklich zuhören und antworten - all das sind keine erlernbaren Eigenschaften, die man einer Maschine übertragen kann. Sie können nur erlebt werden.
Der Physiker und Forscher Ben G. Yacobi erläutert das in seinem 2025 erschienenen Aufsatz The Ontological Barrier of Artificial Intelligence als eine grundlegende Differenz, die nicht durch noch mehr Rechenleistung überwunden werden kann: KI mag Bewusstsein simulieren, Empathie imitieren und Sprache mit beeindruckender Präzision erzeugen, aber sie existiert nicht in dem Sinne, in dem ein Mensch existiert, sie ist nicht in der Welt auf jene Art, die alles Menschliche grundiert und trägt.
Was in der oben erwähnten Teams-Nachricht fehlte, war also seine Anwesenheit. Das implizite Erleben, dass er sich die Zeit genommen hat nachzudenken, was er wirklich sagen will, dass seine Worte aus einem gelebten Kontext kommen, aus einer gemeinsamen Geschichte, aus der Bereitschaft, sich zu zeigen und verantwortlich für das zu stehen, was er schreibt.
Eine KI hat keine Geschichte mit mir. Sie ist nie enttäuscht worden, hat nie gezögert, war nie unsicher, ob dieser eine Satz vielleicht doch zu direkt ist oder zu weich, hat nie das Unbehagen gespürt, das entsteht, wenn man jemandem etwas Schwieriges sagen muss, und auch nicht die Erleichterung, wenn es gut angenommen wurde.
Das ist kein Vorwurf und kein Plädoyer, KI aus der Arbeit zu verbannen. KI ist ein außergewöhnliches Werkzeug, und es wäre töricht, das zu ignorieren. Aber ein Werkzeug ersetzt keine Begegnung, so gut es auch klingt.
Der Mensch entzieht sich dem Vergleich mit KI, weil er ein anderes SEIN verkörpert.
Und vielleicht ist das die eigentliche Frage hinter jedem Diskurs über KI und die Zukunft der Arbeit: nicht wie wir mit KI mithalten, sondern welche Art von Sein und Existenz wir wählen in einer Welt, in der die Abwesenheit menschlichen Seins so verdammt gut klingt.
Quellen
- Buber, Martin (1923): Ich und Du. Insel Verlag, Leipzig.
- Dreyfus, Hubert L. (1992): What Computers Still Can't Do: A Critique of Artificial Reason. MIT Press, Cambridge.
- Heidegger, Martin (1927): Sein und Zeit. Max Niemeyer Verlag, Halle.
- Loaiza-Saa, Isabella & Rigobon, Roberto (2025): "These human capabilities complement AI's shortcomings." MIT Sloan Management Review. https://mitsloan.mit.edu/ideas-made-to-matter/these-human-capabilities-complement-ais-shortcomings
- Merleau-Ponty, Maurice (1945): Phénoménologie de la perception. Gallimard, Paris.
- Yacobi, Ben G. (2025): "The Ontological Barrier of Artificial Intelligence." Journal of Philosophy of Life. https://www.philosophyoflife.org/jpl202506.pdf