Körperlichkeit im KI-Zeitalter: Präsenz statt Bildschirm

Nach neun Stunden Bildschirm ist der Kopf leer und der Körper taub. Ein Essay darüber, warum Verstehen, Vertrauen und Kreativität einen Leib brauchen - und was wir verlieren, wenn wir ihn mit Technologien wegoptimieren.

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Tänzerinnen hinter Tüchern auf einer Bühne
Wir sind leibliche Wesen - müssen wir uns wieder darauf besinnen?

Neun Stunden lang habe ich auf Bildschirme und Videokacheln gestarrt, im Kopf brummt es und mein Geist ist erschöpft. Meine Körperlichkeit dagegen ist erloschen, der Rücken ist steif und die Glieder taub. Ein ganz normaler Tag am Schreibtisch.

Wie anders ist es, sich "im Raum zu bewegen", beispielsweise einen Tag im Garten zu arbeiten. Dabei wird zwar der Körper müde, vielleicht schmerzen die Muskeln - doch der Geist ist wach und erholt. Wenn du einen Garten hast, dann sind Hecke schneiden und Rasenmähen die zugänglichste Form der Erholung: dein Körper wird beschäftigt, dein Geist jedoch bleibt frei und du erlebst Geräusche, Gerüche, Wind. Alle deine Sinne sind belebt.

KI hat keinen Leib, aber haben wir unseren noch?

KI hat keinen Leib - das war der Ausgangspunkt in einem früheren Artikel dieser Serie. Es ist KI nicht möglich, sinnlich mit der Welt verbunden zu sein und aus dieser Verbundenheit zu tiefen Einsichten zu kommen.

Aber wie ist es andersrum?

Wir leben in klimatisierten Häusern, fahren in Metallgehäusen abgeschottet zur Arbeit, sitzen erstarrt vor Bildschirmen und halten uns die Welt "vom Leib". Menschlichen Kontakt erleben wir oft nur noch mittelbar über Videokonferenzen. Nach der Arbeit starren wir wieder auf kleine und große Displays und laufen auf mechanischen Bändern oder vielleicht sogar im Wald - aber auch dort halten wir die Welt auf Abstand, indem wir uns AirPods in die Ohren stecken.

Wenn wir es nicht wollen, dann können wir heute vielfältige technische Möglichkeiten nutzen, um uns der Welt nicht mehr auszusetzen. KI besitzt keinen Leib, aber sind wir uns unseres Leibes bewusst? Oder werden wir auf unsere Weise den Maschinen immer ähnlicher, in dem wir zu leiblosen Wesen werden?

Das Körperliche im KI-Zeitalter: ich bin mein Leib

Wer den Körper nur noch als Transportmittel für seinen denkenden Kopf behandelt, gerät auf einen Irrweg. Wer ihn als zu optimierende Maschine betrachtet - mit regelmäßigem Blick auf "Body Battery", Sauerstoffsättigung, Puls, Gewicht oder leistbare Watt -, ebenfalls. Ein Leib ist nichts, was ich habe, ich BIN mein Leib (Merleau-Ponty).

Wahrnehmung ist ein komplexer, weitgehend unbewusster Prozess. Er dient nicht nur dazu, dem Gehirn Daten zu liefern, die es verarbeiten kann. Wahrnehmung und Bewusstsein sind Vollzug des leiblichen In-der-Welt-Seins: ich verstehe eine Situation, bevor ich sie analysiere, weil sich mein Leib immer schon in ihr bewegt: tastend im Raum, mit wechselnd gerichteter Aufmerksamkeit und sinnlich verbunden.

Wenn wir diesen Raum reduzieren, direkten Kontakt durch Remote-Work und Videokonferenzen verhindern, das gemeinsame Im-Raum-Sein durch digitale Connectedness ersetzen oder das kognitive Durchdringen eines Themas an KI auslagern, dann werden wir uns nicht nur unwohl fühlen - wir verhindern echtes Verstehen.

Francisco Varela, Evan Thompson und Eleanor Rosch haben in "The Embodied Mind" nicht nur philosophisch, sondern auch Hirn- und Kognitions-wissenschaftlich argumentiert. Sie zeigen, dass Erkenntnis (über die Welt) nicht bloßes Errechnen von Repräsentationen (im Gehirn) ist im Sinne von "da ist Welt, hier wird diese in meinem Geist repräsentiert" - beides also getrennt voneinander sei. Sondern sie zeigen, dass wir in einer Wechselwirkung mit der Welt stehen: indem wir uns leiblich in ihr bewegen, erscheint sie. Indem sie uns erscheint, handeln wir in ihr - und gestalten sie wiederum.

Ich und Welt sind nicht getrennt. 

Bezeichnenderweise haben die drei ihre These im Dialog mit der buddhistischen Achtsamkeitspraxis entwickelt, also einer Tradition, die tief im Körper verankert ist und ohne Körper nicht möglich wäre. Denken ohne Körper wäre in diesem Bild keine pure Intelligenz, sondern nur eine Amputation.

Iain McGilchrist bezieht sich in den zwei Arten, die Welt zu ergreifen, auf die beiden Gehirnhälften: Die linke abstrahiert, zerlegt, manipuliert Modelle, sie liebt die Landkarte. Die rechte behält lebendige Zusammenhänge im Blick, den Kontext, Körper, die Anderen und die Beziehungen untereinander - sie erkundet das Gelände.

Im berühmten Buch Zen oder die Kunst, ein Motorrad zu warten entwirft Robert M. Pirsig ebenfalls zwei sich ergänzende Perspektiven, die "klassische", die zerlegt, erforscht und analysiert, sowie eine sogenannte "romantische", die verbindet und das Ganze sieht.

Der Mensch braucht beide Gehirnhälften. Doch unsere Kultur, sagt McGilchrist, lässt die linke die Herrschaft übernehmen, bis die Landkarte für das Gelände gehalten wird. Remote-Arbeit und KI sind die perfekten Werkzeuge dieser Schlagseite: Sie verwandeln jedes Gegenüber in eine Kachel, jede Situation in Daten, jedes Hervorbringen in ein Konzept.

Und hier schließt sich der Bogen zum letzten Text. Dort habe ich beschrieben, dass Sinn erst im fühlenden Subjekt entsteht, nicht in einem Muster. Robert M. Ellis führt einen Schritt weiter: Dieses Sinn-Machen ist selbst leiblich verankert. Unsere Begriffe, auch die abstraktesten, wachsen aus verkörperter Erfahrung und Assoziation, nicht aus der Übereinstimmung mit einer objektiven Realität.

Das alte Gedankenwuchern, das der Buddhismus papañca nennt, treibt uns in einen Strudel aus Abstraktionen und Konzepten, dem wir nur entfliehen, indem wir uns selbst wieder mit unserem Körper verbinden. Das entkörperlichte Arbeiten des modernen "Wissensarbeiters" kappt jedoch diese Wurzel:

Wir verwalten Konzepte, die wir aber nicht mehr erleben.

Bevor Gotama zum Buddha wurde, versuchte er es mit asketischem, radikalem Bezwingen des Körpers. Er starb fast, bis er erkannte: Je stärker der Mensch seinen Leib und seine Grundbedürfnisse unterdrückt, desto schwächer und entfremdeter wird er und verleugnet, wie sehr er von ihm abhängt. Es war der Mittlere Weg, der ihn zur Erleuchtung brachte: also mit dem Körper zu arbeiten statt gegen ihn.

Unsere klimatisierten Räume, rollenden Käfige, Videokacheln und KI sind eine moderne Askese, nur merken wir es nicht, weil sie sich nicht nach Verzicht anfühlt, sondern nach Fortschritt.

Was der Leib leistet: Vertrauen, Konflikt, Kreativität

Leibliche Erfahrungen machen wir auch im Büro, im Meeting, im Führungsgespräch, nur reden wir meist nicht darüber. Doch mindestens drei und für jedes Team notwendige Dinge sind untrennbar an Leiblichkeit gebunden: Vertrauen, Konflikt und Kreativität.

Vertrauen kann nicht durch Worte eingefordert werden, sondern entsteht über Resonanz. Ob ich jemandem vertraue, entscheidet sich jenseits der Sprache: an Haltung, Blicken, am kurzen Zögern vor einer Antwort; oder daran, wie jemand den Raum betritt. Die meisten dieser Signale nehme ich nicht bewusst wahr, aber mein Körper "erlebt" sie, noch während ich zuhöre.

Auch Konflikt braucht einen Körper, Resonanz und einen gemeinsamen Raum. Echte Auseinandersetzung heißt, Spannung wahrzunehmen und zu regulieren, und das ist zunächst unmittelbar körperlich gemeint: Muskeln spannen sich an. Oder jemand errötet - aus Wut oder Scham -, Stimme oder Atmung verändern sich. Die Resonanz erzeugt jetzt Wechselwirkungen und bringt Worte hervor, oder Handlungen - und damit wiederum entsteht die Welt (im gegenwärtigen Moment), die wir wiederum wahrnehmen.

Zuletzt Kreativität: sie kommt selten im dafür angesetzten Meeting um 14:30 Uhr, sondern eher auf dem Flur, in einer Kaffeepause, auf Reisen oder beim Joggen - also exakt in genau den ungeplanten Augenblicken, die der Kalender nicht vorgesehen hat. Remote-Arbeit und KI schließen jedoch diese "unproduktiven" Lücken und wir takten den Tag in Slots, verdichten unsere Arbeit - und wundern uns dann, dass nichts Neues mehr entsteht. Das Neue braucht Leerlauf, Bewegung, beiläufige Begegnung und Leiblichkeit ("Die Idee fühlt sich plötzlich stimmig an...").

Man darf das nicht romantisieren. Manche Videokonferenz ist schlicht praktisch, und umgekehrt ist nicht jedes Präsenzmeeting ist ein Hort tiefen Vertrauens. Aber wer Vertrauen, Konflikt und Kreativität dauerhaft aus dem physischen Raum verdammt, in dem wir uns verkörpert begegnen, der entzieht sich selbst den Boden, auf dem diese gedeihen können. Und das bleibt nicht folgenlos. Diese Folgen sind sogar messbar.

Warum uns die moderne Welt erschöpft: Zoom Fatigue und Brain Fry

Das hat der Stanford-Forscher Jeremy Bailenson untersucht und gezeigt, dass Videokonferenzen uns körperlich erschöpfen: zu intensiver Dauerblickkontakt, das ständige Sich-selbst-Sehen, Bewegungslosigkeit - der Technostress ist über Hirnströme und Herzrate nachweisbar.

Dahinter steht das vegetative Nervensystem, in dem der Sympathikus auf Alarm schaltet: Puls erhöht sich, die Verdauung regelt runter, Hormone wie Adrenalin oder Cortisol bringen unser Gehirn in einen Flucht- oder Kampfmodus. Die Forschung zeigt, dass digitale und KI-gestützte Arbeit (Brain Fry = mentale Erschöpfung bei intensiver KI-Nutzung) genau diese Daueraktivierung begünstigt.

Der Ausweg ist ebenso leiblich. Das Nervensystem braucht Sicherheit, um zu kooperieren, zu lernen und kreativ zu sein, und diese Sicherheit entsteht relational: Wir beruhigen einander über Stimme, Blick, Nähe. Diese Co-Regulation setzt einen anderen Körper im selben Raum voraus, und genau der wird in der Videokonferenz eliminiert. Wir sitzen im Alarmzustand remote nebeneinander, aber können uns nicht mehr regulieren.

Nicht mehr Resilienz, sondern andere Bedingungen

Die naheliegende Antwort wäre jetzt mehr Resilienz. Also Menschen so zu trainieren, dass Sie Technostress besser aushalten. Doch das wäre die falsche Richtung. Es würde dem Einzelnen die Verantwortung übertragen und dabei die Bedingungen unangetastet lassen, die diese Erschöpfung erst erzeugen. Robert M. Ellis sagt es klar: Wenn wir Verkörperung wirklich wollen, müssen wir die Bedingungen verändern, die Entkörperlichung hervorbringen. Nicht der Mensch ist zu reparieren, sondern die Art, wie wir arbeiten.

Das ist keine Absage an Remote-Arbeit oder KI, beide sind nicht der Gegner. Die Frage ist grundsätzlicher: ob wir den Körper als die Effizienz störendes Phänomen behandeln, das man wegoptimiert, oder als das fühlende, komplexe und vernetzte System, das Vertrauen, Beziehungen, Resonanz oder Kreativität überhaupt erst ermöglicht. Denn Regulation gelingt dauerhaft nicht allein, sondern nur zwischen Menschen.

Köpfe brauchen Boden

Am Anfang stand ein ganz gewöhnlicher Tag: der Kopf nach neun Stunden Bildschirm leer, der Körper taub. Wir haben eine Arbeitswelt gebaut, die den einen Teil von uns überlastet und den anderen stilllegt - und bemühen uns immer noch, das für normal zu halten. Im letzten Text wurde deutlich, dass KI das Leibliche fehlt. Die Frage heute ist, wie wir den Leib wieder in die Arbeitswelt holen.

Die KI nimmt uns unseren Körper nicht weg. Wir geben ihn bereitwillig auf - Kachel für Kachel, Slot für Slot, Agent für Agent, freiwillig und im Namen des Fortschritts. Mensch bleiben, wenn KI denkt: wir müssen nicht Maschinen bekämpfen, sondern uns wieder unserer Leiblichkeit besinnen. Denn ein Kopf ohne Körper denkt vielleicht noch eine Weile weiter.

Nur die Welt wird er nicht mehr verstehen.


Quellen:

  • Maurice Merleau-Ponty: Phänomenologie der Wahrnehmung (1945). De Gruyter.
  • Francisco Varela, Evan Thompson, Eleanor Rosch: The Embodied Mind (1991). MIT Press.
  • Iain McGilchrist: The Master and His Emissary. The Divided Brain and the Making of the Western World (2009). Yale University Press.
  • Robert M. Pirsig: Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten (1974, dt. 1978). Fischer.
  • Robert M. Ellis: „Lebendige Erfahrung, lebendige Bedeutung", in: Buddhismus aktuell 3/2026; ausführlicher in Embodied Meaning and Integration (Equinox, 2025). Englischer Originaltext: Secular Buddhist Network.
  • Jeremy Bailenson: „Nonverbal Overload: A Theoretical Argument for the Causes of Zoom Fatigue", in: Technology, Mind, and Behavior (2021). Stanford Report.
  • Stephen W. Porges: „Polyvagal Theory: A Science of Safety", in: Frontiers in Integrative Neuroscience (2022). Volltext.
  • „Technostress and generative AI in the workplace", in: Frontiers in Artificial Intelligence (2025). Volltext.

Häufige Fragen über Körperlichkeit & Embodiement

Warum machen Videokonferenzen so müde?

Weil unser Nervensystem für synchrone, leibliche Begegnung gebaut ist, nicht für die Kachel. Der Stanford-Forscher Jeremy Bailenson nennt vier Gründe: den zu nahen Dauerblickkontakt vieler Gesichter, das ständige Sich-selbst-Sehen, die Bewegungslosigkeit im Kamerakegel und die kognitive Mehrarbeit, weil die feinen Körpersignale fehlen. Diese Erschöpfung ist über Hirnströme und Herzrate messbar, sie ist also kein Gefühl, sondern eine körperliche Reaktion.

Was bedeutet Körperlichkeit oder Embodiment in der Arbeitswelt?

Es meint, dass Verstehen, Vertrauen und Kreativität keine reinen Kopfleistungen sind, sondern leibliche Vollzüge. Wir erfassen eine Situation, bevor wir sie analysieren, weil unser Leib in ihr steht. Für die Arbeitswelt heißt das: Wer Präsenz, Raum und Bewegung wegoptimiert, entzieht genau diesen Fähigkeiten ihren Boden.

Macht Homeoffice wirklich einsam?

Die Daten sind vorsichtiger, als die Schlagzeilen suggerieren. Laut Gallup fühlt sich rund ein Fünftel der Beschäftigten weltweit täglich einsam, und der Unterschied zwischen remote und vor Ort ist klein. Einsamkeit ist also weniger ein Problem des Homeoffice allein als ein Symptom kontaktarmer, entkörperter Arbeit überhaupt.

Hilft mehr Resilienz gegen digitale Erschöpfung?

Jein, nur begrenzt, und die Frage führt in die falsche Richtung. Resilienztraining verlagert die Last auf den Einzelnen und lässt die Bedingungen unangetastet, die die Erschöpfung erzeugen. Nachhaltiger ist es, die Art zu verändern, wie wir arbeiten: Präsenz und Zwischenräume schützen, statt jeden Moment zu takten.

Kann KI Vertrauen und Kreativität ersetzen?

Nein. Vertrauen entsteht über leibliche Resonanz, über Haltung, Blick und geteilten Raum, und Kreativität keimt im informellen Zwischenraum, den kein Kalender kennt. Beides setzt einen Körper und ein anwesendes Gegenüber voraus, das KI nicht bereitstellen kann.

Was bedeutet „Brain Fry" und wie entsteht er?

„Brain Fry" ist ein umgangssprachlicher Ausdruck, kein medizinischer Fachbegriff, für den Zustand akuter geistiger Erschöpfung, in dem sich der Kopf wie durchgebrannt anfühlt und nichts mehr aufnimmt. Er beschreibt die Spitze kognitiver Überlastung: Das Arbeitsgedächtnis ist voll, die Aufmerksamkeit springt, klares Denken gelingt nicht mehr.

Fachlich am nächsten liegen die Begriffe kognitive Überlastung und „Brain Fog", die mentale Benommenheit. Er entsteht, wenn zu viele Reize ohne Pause auf uns einströmen, etwa in einer Kette von Videokonferenzen, und das Nervensystem dauerhaft im Alarmmodus bleibt, ohne Phasen der Erholung. Anders als ein kurzes Tief verschwindet Brain Fry erst, wenn Reizdichte und Daueranspannung wieder sinken.